31.10.2026
Legal, illegal, völlig egal - Hua Hins alte Fischerhäuser vor dem Abriss
Bagger statt Meeresromantik: Hua Hins historische Strandfront muss weichen
Es gibt Orte in Thailand, die sind gerade deshalb so liebenswert, weil sie nicht perfekt sind. Weil nicht alles aus Glas, Beton und Hochglanz besteht. Weil sich zwischen alten Holzhäusern, windschiefen Terrassen und kleinen Restaurants noch ein Stück ursprüngliches Thailand versteckt. Hua Hin ist so ein Ort. Oder besser gesagt: Es war an manchen Stellen so ein Ort.
Denn am heutigen Freitag, dem 30. Oktober 2026, sind tatsächlich die Bagger angerückt. Und zwar nicht irgendwo am Stadtrand, sondern ausgerechnet an einem der traditionsreichsten Küstenabschnitte des königlichen Badeortes. Zwischen dem alten Fischerpier und dem chinesischen Chao-Mae-Thap-Thim-Schrein sollen 15 Gebäude verschwinden. Darunter befinden sich Häuser und ehemalige Fischerunterkünfte, Restaurants und andere Bauten, die das Gesicht dieser Gegend seit vielen Jahrzehnten prägen.
Der Grund? Sie stehen nach Auffassung der Behörden auf öffentlichem Küstenland. Und das soll nun wieder der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden. Rechtlich nachvollziehbar. Emotional trotzdem irgendwo zwischen Trauer und Wut.
Die Bagger sind da – aber nicht alles fällt heute
Gegen 10 Uhr rückten am Freitagmorgen die ersten schweren Maschinen an der Naresdamri Road an. Unter den Augen von Bürgermeister Nopporn Wutthikul, Verwaltungsbeamten - oder sollte man Verwüstungsbeamten sagen - und Polizei begannen die Arbeiten.Zunächst wurden Betonfundamente bereits entfernter Gebäude aufgebrochen, Flächen geräumt und Zugänge freigemacht. Auch im Bereich des bekannten Chao-Lay-Seafood-Restaurants wurde gearbeitet. Einige Gebäude standen bereits leer, aus anderen wurden noch persönliche Gegenstände getragen.
Allerdings: Die vielfach angekündigte vollständige Abrissaktion fand heute noch nicht statt. Für weitere Gebäude wurden neue Ankündigungen ausgehängt. Nach aktuellen thailändischen Berichten ist der 20. November als nächster wichtiger Abrissbeginn vorgesehen; für ein einzelnes Objekt wurde auch der 27. November genannt.
Die Räumung soll sich bis Januar 2027 hinziehen. Für die Betroffenen bedeutet das weitere Wochen der Ungewissheit. Für Hua Hin beginnt damit ein sichtbarer Wandel seines historischen Küstenstreifens.
Über 20 Jahre Streit – und plötzlich muss alles ganz schnell gehen
Ganz überraschend kommt die Angelegenheit allerdings nicht. Bereits seit mindestens 2002 streiten Behörden und Anwohner über die Nutzung des Küstenstreifens. Die Gebäude ragen teilweise auf öffentliches Land oder über das Wasser hinaus. Nach langen juristischen Auseinandersetzungen bestätigte das Oberste Verwaltungsgericht schließlich die Abrissverfügungen.Damit ist die rechtliche Lage für die Stadtverwaltung weitgehend geklärt. Und natürlich kann man nicht einfach öffentliche Flächen besetzen, nur weil dort seit vielen Jahren ein Restaurant steht. Auch jahrzehntelange Nutzung macht einen Bau nicht automatisch legal. Aber eine andere Frage drängt sich geradezu auf: Wo waren eigentlich all die zuständigen Behörden während der vergangenen Jahrzehnte?
Solche Gebäude wachsen schließlich nicht über Nacht aus dem Sand. Man kann sie auch nicht besonders gut hinter einer Kokospalme verstecken. Sie standen dort, wurden genutzt, umgebaut, erweitert, betrieben und waren über Jahrzehnte Teil des Stadtbildes und ein herrlich ursprümglicher Ort für wahre Thailandfreunde.
Und nun entdeckt man mit aller Entschlossenheit, dass dort etwas nicht hingehört. Immerhin: Nach mehr als 20 Jahren hat die Verwaltung offenbar den Weg zu ihren eigenen Akten wiedergefunden.
Ein Stück Geschichte lässt sich nicht wieder aufbauen
Wer das alte Hua Hin kennt, weiß, dass sein besonderer Charme nicht nur aus luxuriösen Resorts, gepflegten Golfplätzen und schicken Restaurants besteht. Es sind eben auch die einfachen, manchmal etwas schiefen Gebäude, die kleinen Gassen, die Fischerboote und die Lokale über dem Wasser, die an die Zeit erinnern, als Hua Hin noch ein beschauliches Fischerdorf war.Natürlich sind nicht alle betroffenen Bauten historische Schmuckstücke. Und nicht jedes Restaurant, das über dem Meer steht, verdient automatisch Denkmalschutz. Aber zusammen bilden solche Gebäude ein gewachsenes Stadtbild, das sich nicht einfach durch eine neue Promenade ersetzen lässt.
Die alten Fischerhäuser erzählen Geschichten. Von Familien, die hier gelebt haben. Von Fischern, die morgens aufs Meer hinausfuhren. Von Restaurants, in denen Generationen von Einheimischen und Urlaubern ihre Abende verbrachten. Mit einem Bagger lässt sich ein Gebäude in wenigen Stunden beseitigen.Die Geschichte, die darin steckt, bekommt man anschließend allerdings nie mehr zurück.
Auch die Menschenrechtskommission schaltete sich ein
Für die betroffenen Bewohner und Geschäftsleute geht es um wesentlich mehr als schöne Erinnerungsfotos. Manche Familien sind seit Generationen mit diesem Küstenabschnitt verbunden. Mit dem Abriss verlieren sie möglicherweise nicht nur ein Gebäude, sondern auch ihre wirtschaftliche Existenzgrundlage.Die thailändische Menschenrechtskommission befasste sich deshalb im Oktober mit den Beschwerden der Betroffenen. Eine endgültige Einigung kam jedoch nicht zustande. Die Kommission machte deutlich, dass sie rechtskräftige Gerichtsentscheidungen nicht außer Kraft setzen könne. Die Stadtverwaltung wiederum betont, dass sie verpflichtet sei, das Urteil umzusetzen.
Ab dem 2. November sollen außerdem strafrechtliche Schritte gegen Personen vorbereitet werden, die den Anordnungen nicht nachgekommen sind. Insgesamt geht es dabei um 26 Fälle, von denen 15 in die Zuständigkeit der Stadt fallen und elf das Marine Department betreffen.
Für den Einsatz am Freitag waren 30 Polizeibeamte vorgesehen, weitere 40 standen bereit. Ein beachtliches Aufgebot für einen Küstenstreifen, an dem früher vor allem Fisch, Meeresfrüchte und Sonnenuntergänge im Mittelpunkt standen.
Und was kommt danach? Hoffentlich nicht die nächste Betonromantik
Die Stadt möchte die frei werdenden Flächen wieder öffentlich nutzbar machen. Das ist zunächst einmal ein durchaus vernünftiges Ziel. Öffentliche Strände sollen schließlich öffentlich bleiben. Niemand möchte, dass Thailands Küsten irgendwann vollständig hinter privaten Mauern, Restaurantterrassen und Hotelanlagen verschwinden.Nur bleibt eine entscheidende Frage: Wie wird dieser Küstenabschnitt künftig aussehen? Wird daraus eine schöne, frei zugängliche Promenade mit Sitzplätzen, Schatten spendenden Bäumen und Blick aufs Meer? Ein Ort, an dem sich Einheimische und Besucher gleichermaßen wohlfühlen? Oder erleben wir irgendwann die nächste dieser wunderbar modernen Betonflächen, auf denen man sich bei 35 Grad im Schatten fragt, wo eigentlich die Schatten geblieben sind?
Ein überzeugendes, öffentlich vorgestelltes Gesamtkonzept für die künftige Gestaltung ist bislang jedenfalls nicht erkennbar. Und genau hier beginnt die eigentliche Sorge. Denn ein Abriss allein macht noch keine Stadt schöner.
Zwischen Recht und Herzblut
Man kann die Entscheidung des Gerichts respektieren und die Abrissarbeiten trotzdem bedauern. Das eine schließt das andere nicht aus. Es ist richtig, öffentliches Küstenland zu schützen. Es ist richtig, illegale Bebauung nicht einfach dauerhaft hinzunehmen.Aber es wäre ebenso richtig, bei einem derart traditionsreichen Ort über den bloßen Abriss hinauszudenken. Über den Erhalt historischer Identität. Über die Menschen, die dort seit Jahrzehnten leben. Über eine Stadtentwicklung, die nicht nur Vorschriften erfüllt, sondern auch Charakter bewahrt.
Vielleicht hätte man zumindest einzelne erhaltenswerte Gebäude dokumentieren, kulturell integrieren oder nach rechtlicher Prüfung in eine öffentliche Nutzung überführen können. Ob solche Alternativen ernsthaft und umfassend geprüft wurden, bleibt eine berechtigte Frage.
Hua Hin wird durch diese Entscheidung nicht plötzlich seinen ganzen Charme verlieren. Dafür ist die Stadt viel zu vielseitig und liebenswert. Aber ein kleines Stück des selten gewordenen alten Hua Hin wird unwiederbringlich verschwinden.
Und während die Bagger nun ihre Arbeit verrichten, bleibt ein ziemlich bitterer Gedanke: Es hat Jahrzehnte gedauert, diesen Ort wachsen zu lassen. Jahrzehnte, um über seine Rechtmäßigkeit zu streiten. Und am Ende braucht es nur wenige Tage, um einen Teil seiner Geschichte in Schutt und Staub zu verwandeln.
Hoffen wir, dass die Stadt wenigstens bei der Neugestaltung etwas mehr Fantasie entwickelt als beim Abriss. Denn eine schöne Küste braucht nicht nur freie Sicht aufs Meer. Sie braucht manchmal auch ein bisschen Seele!
Quellen: HuaHinToday, SiamRath, Matichon
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