13.08.2026
Politik
Prostitution? Welche Prostitution? Fragen Sie einfach die Polizei...
Illegal und erfolgreich ignoriert seit Jahrzehnten - Hier gibt es nichts zu sehen
Eigentlich ist die Sache ganz einfach. In Thailand ist Prostitution seit Jahrzehnten verboten. Punkt. So steht es im Gesetz. Wer allerdings abends durch die Walking Street in Pattaya, die Bangla Road in Patong oder die Soi Cowboy in Bangkok spaziert, könnte auf die verrückte Idee kommen, dass sich Theorie und Praxis nicht ganz decken. Aber wahrscheinlich täuscht dieser Eindruck einfach. Tausende Bars, Go-Go-Clubs, Hostessen und Freelancer gehören vermutlich nur zur besonders kreativen und dekorativen Straßenunterhaltung.
Noch faszinierender wird es, wenn die Polizei zu ihren regelmäßig angekündigten Großrazzien ausrückt. Mit Dutzenden, manchmal sogar Hunderten Beamten werden bekannte Vergnügungsviertel durchsucht. Das Ergebnis liest sich anschließend oft wie aus einer Satire: Keine Prostituierten gefunden. Man muss diese Frauen bewundern. Offenbar beherrschen sie Tarntechniken, von denen selbst Geheimdienste nur träumen können. Oder die Behörden verfügen über eine außergewöhnlich selektive Sehschärfe.
Keine Sexarbeiterinnen
Die Sexindustrie, die es offiziell eigentlich gar nicht gibt
Dabei gilt Thailand seit Jahrzehnten als eines der bekanntesten Ziele des internationalen Sextourismus. Zwar versucht die Tourismusbehörde seit Jahren, dieses Image loszuwerden und wirbt lieber mit Luxusresorts, Familienurlaub und nachhaltigem Tourismus, was durchaus erfolgreich ist, denn die Zhl der Pärchenurlauber und Familien steigt beständig. Das ändert allerdings wenig daran, dass sich das Nachtleben vieler Touristenorte kaum übersehen lässt.Schätzungen der Organisation SWING (Service Workers in Group Foundation) gehen von mehr als 200.000 Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern in Thailand aus. Allein in Pattaya sollen über 50.000 tätig sein. Die dortige Unterhaltungsbranche setzt nach Schätzungen jedes Jahr zwischen 100 und 200 Milliarden Baht um, was zwischen 2,6 und 5,2 Milliarden EUR sind - Für eine Branche, die offiziell nicht existiert, ist das durchaus eine beachtliche Wirtschaftsleistung.
Illegal... aber bitte nur für manche
Ganz untätig bleiben die Behörden allerdings nicht. Nach Angaben der Royal Thai Police wurden 2023 immerhin 19.648 Menschen wegen Verstößen gegen das Prostitutionsgesetz festgenommen. Im Jahr zuvor waren es sogar mehr als 38.000.Wer nun glaubt, regelmäßig würden ganze Straßenzüge in Pattaya oder Patong leergeräumt, irrt allerdings. Stattdessen fällt seit Jahren auf, dass vor allem ausländische Sexarbeiterinnen regelmäßig ins Visier geraten. Frauen ohne Arbeitserlaubnis oder mit Touristenvisum werden bei Razzien häufig festgenommen, abgeschoben oder wegen illegaler Beschäftigung angeklagt.
Die ungleich größere Zahl thailändischer Prostituierter scheint dagegen erstaunlich oft über eine Art behördlichen Unsichtbarkeitsumhang zu verfügen. Kritiker sprechen deshalb seit Jahren von einer sehr einäugigen Rechtsdurchsetzung. Das Gesetz gilt zwar offiziell für alle – nur scheint es manche eben deutlich besser zu erkennen als andere.
Genau darin liegt nach Ansicht vieler Experten das eigentliche Problem. Denn wenn etwas offiziell verboten ist, gleichzeitig aber nahezu überall geduldet wird, entsteht eine Grauzone, in der fast jeder vom System profitiert – außer den Betroffenen selbst. Betreiber bewegen sich ständig am Rand der Legalität. Beschäftigte besitzen kaum Arbeitsrechte. Und wer Opfer von Gewalt oder Betrug wird, überlegt sich oft zweimal, ob er überhaupt zur Polizei geht.
Tourismusvertreter weisen seit Jahren darauf hin, dass diese Situation Korruption geradezu einlädt. Wo Regeln beliebig ausgelegt werden können, entstehen zwangsläufig Spielräume für Bestechung, Schutzgelder oder selektive Kontrollen.
Ein Mordfall als Auslöser
Neue Aufmerksamkeit erhielt die Diskussion nach dem Mord an einer 17-jährigen Thailänderin durch einen Australier. Der schreckliche Fall machte erneut deutlich, wie verletzlich Menschen sein können, die in diesem Milieu arbeiten.Menschenrechtsorganisationen fordern deshalb seit Jahren eine vollständige Entkriminalisierung erwachsener Sexarbeit. Mit legalen Arbeitsverhältnissen, Sozialversicherung, Steuerpflicht und klaren Kontrollen ließen sich ihrer Ansicht nach sowohl die Arbeitsbedingungen verbessern als auch Straftaten konsequenter verfolgen.
Andere bevorzugen offiziell ausgewiesene Rotlichtzonen nach dem Vorbild einiger anderer Länder. Auch darüber wird seit Jahren diskutiert – ohne dass sich grundlegend etwas verändert.
Das vielleicht schlechtest gehütete Geheimnis Thailands
Praktisch gehören Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter in vielen Touristenorten ganz selbstverständlich zum Straßenbild. Jeder weiß es. Touristen wissen es. Taxifahrer wissen es. Hotelangestellte wissen es. Die Betreiber wissen es. Selbst viele Politiker sprechen inzwischen offen darüber.Nur wenn eine Hundertschaft Beamter zur Razzia ausrückt, scheint plötzlich eine geheimnisvolle Tarnkappe über Pattaya, Patong oder Bangkok gelegt zu werden. Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Problem: Nicht darin, dass die Realität existiert – sondern darin, dass sie offiziell möglichst niemand sehen möchte.
Denn Gesetze entfalten selten große Wirkung, wenn sie jahrzehntelang nur dann konsequent angewendet werden, wenn es gerade politisch oder medienwirksam passt. Das eigentlich Absurde an diesem System: Von der Branche profitieren unzählige Menschen – Bars, Clubs, Hotels, Taxis, Restaurants und nicht zuletzt der Tourismus insgesamt.
Nur diejenigen, die die eigentliche Dienstleistung erbringen, stehen rechtlich fast im luftleeren Raum. Weil ihre Arbeit offiziell gar nicht existieren dürfte, haben viele keinen Anspruch auf Arbeitsrecht, keine Sozialversicherung, keinen Kündigungsschutz, keine Absicherung bei Krankheit oder Arbeitsunfällen und oft kaum eine realistische Möglichkeit, sich gegen Gewalt, Ausbeutung oder nicht zahlende Kunden zu wehren.
Wer offiziell nicht arbeiten darf, hat eben auch offiziell kaum Rechte. Ein bemerkenswertes Konzept: Man verdient seit Jahrzehnten Milliarden an einer Branche, behandelt die Beschäftigten aber so, als gäbe es sie gar nicht. Für ein Land, das sich gern als "Land des Lächelns" präsentiert, ist das ein ziemlich bitteres Lächeln.
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