12.12.2025
Politik
Thailand und Kambodscha nutzen Nationalismus als Politik-WD-40
Wenn es innen brennt, zündelt man außen: Konflikt am Grenzstreifen
Ein Konflikt, der nie wirklich verschwand – aber jetzt wieder nützlich ist
Mindestens 20 Tote, Hunderttausende Geflüchtete: Die jüngsten Zusammenstöße sind die brutalste Erinnerung daran, dass der jahrzehntelange Streit um Grenzgebiete nie gelöst, sondern nur zeitweise eingefroren war. Bereits im Juli eskalierte die Lage erneut, ehe ein von Donald Trump vermitteltes Abkommen kurzzeitig Ruhe brachte – mit dem gleichen Haltbarkeitsdatum wie Trumps Tweets.Dass das Feuer nun wieder lodert, ist kein Zufall, sondern politisch eingepreist. Wie Thailands renommierter Politologe Thitinan Pongsudhirak klar formuliert: Der Konflikt folgt innenpolitischen Logiken, nicht sicherheitspolitischen Notwendigkeiten. Beide Regierungen profitieren – nur auf unterschiedliche Weise.
Kambodscha: Die Hun-Dynastie zündet die Nationalismus-Notfackel
Kambodscha wird seit vier Jahrzehnten von der Familie Hun geführt, einem autoritären Clan, der das Land wie ein privates Unternehmen betreibt: Opposition zerschlagen, Medien gleichgeschaltet, Wahlen kosmetisch. 2023 übernahm Hun Manet von seinem Vater – und niemand zweifelt ernsthaft daran, dass dieser Stabwechsel kontrolliert war wie eine Staatsoperettenaufführung.Doch die internationale Bühne ist weniger freundlich. Kambodscha ist inzwischen global berüchtigt als Drehscheibe für Telefonbetrug, Geldwäsche und Menschenhandel. Zahlreiche Akteure aus dem direkten Umfeld der Hun-Familie geraten zunehmend in den Fokus ausländischer Ermittlungen und Medienberichte. Und was tun, wenn die Legitimität erodiert? Genau: den äußeren Feind beschwören.
Der Grenzkonflikt eignet sich perfekt, um die öffentliche Aufmerksamkeit umzuleiten und sich als unschuldiges Opfer darzustellen – David gegen den thailändischen Goliath. Nationalistische Mobilisierung ist das politische Allzweckpflaster einer Regierung, die außer Repression und Kontrolle kaum Werkzeuge mehr besitzt.
Thailand: Militär und konservative Eliten wittern ihre Chance
Auf der anderen Seite der Grenze sieht es nicht weniger opportunistisch aus. Das thailändische Militär – politisch ebenso dauerhaft präsent wie buddhistische Tempel – nutzt die Grenzscharmützel, um seine Reputation aufzupolieren. Nach Jahren der Kritik, wachsender demokratischer Sehnsüchte und interner Skandale kommt ein „äußerer Feind“ gerade recht.Gleichzeitig stehen Thailands politische Machtblöcke erneut im Dauerclinch. Die konservativen Eliten bekämpfen die Shinawatra-Familie seit zwei Jahrzehnten, weil deren populistische Politik sie gefährdet. Der jüngste Schlag: Premierministerin Paetongtarn Shinawatra wurde im August durch ein Gericht entmachtet – offiziell wegen eines Telefonats mit Hun Sen, tatsächlich aber Ausdruck altbekannter Machtspiele.
Als die Regierung daraufhin kollabierte, rückte ein alter Bekannter ins Zentrum: Anutin Charnvirakul, nun Premier, aber politisch angeschlagen. Die Wahlen 2026 werfen ihre Schatten voraus – und ein Konflikt an der Grenze liefert die perfekte Kulisse, um Stärke zu simulieren, Unsicherheiten zu übertünchen und die Armee als „Retter der Nation“ zu inszenieren.
Kambodschanischer Betrugssektor – wirft Schatten, der bis nach Bangkok
Der Skandal rund um südostasiatische Betrugssyndikate hat inzwischen auch die thailändische Regierung erfasst. Finanzminister Vorapak Tanyawong musste gehen, nachdem Verbindungen zu kambodschanischen Netzwerken bekannt wurden. Kaum war der Staub gelegt, tauchten Fotos auf, die Premier Anutin und hochrangige Beamte beim fröhlichen Dinner mit Benjamin Mauerberger zeigen – einem Finanzier, der mutmaßlich Millionen für Betrugsringe gewaschen hat. Anutin dementiert jede Nähe. Natürlich.Für Beobachter wie Chambers und Thitinan ist klar: Der Grenzkonflikt kommt der thailändischen Regierung wie gerufen. Statt über Vetternwirtschaft, kriminelle Netzwerke oder politische Instabilität zu diskutieren, soll die Bevölkerung nun lieber auf feindliche Soldaten starren, nicht auf interne Missstände.
Nationalismus als Brandbeschleuniger – und Friedenshemmnis
Problematisch ist weniger, dass Regierungen Krisen instrumentalisieren – das tun viele. Problematisch ist, dass dies zu einer strukturellen Eskalation führen kann. Chambers warnt: Je stärker beide Seiten innenpolitisch auf nationalistische Rhetorik setzen, desto schwieriger wird jede Form von diplomatischer Lösung. Mit wachsender Lautstärke schrumpft die Verhandlungsbereitschaft.Externe Vermittler stehen derweil kaum bereit:
- Die USA haben ihre Handelshebel bereits genutzt – erneut drohen ist weniger wirkungsvoll.
- China könnte vermitteln, will aber nicht scheitern und vermeidet Risiken für sein Image.
- ASEAN bemüht sich, schafft aber – wie üblich – eher Protokolle als Fortschritte.
Thailand blockiert Gespräche offen, Kambodscha gibt sich dialogbereit – aber auch das ist vermutlich mehr PR als echter Wille.
Am Ende bleibt die düstere Einschätzung des Politologen Sophal Ear: Frieden wird nur möglich, wenn beide Militärs direkt verhandeln – und das wird dauern. Bis dahin kann jeder Vermittler nur Pausen erreichen, aber keinen Frieden.
Meinung:
Was als Grenzzwist dargestellt wird, ist in Wahrheit ein symbiotischer politischer Nebelwerfer. Thailand nutzt ihn, um Wahljahressorgen und Korruptionsskandale zu überdecken. Kambodscha nutzt ihn, um seine autoritäre Dynastie gegen Kritik abzuschirmen. Und beide schüren einen Nationalismus, der ihnen kurzfristig nützt – und langfristig schadet.Für die Menschen, die nun fliehen müssen, verlieren Angehörige oder ihre Lebensgrundlagen, ist es ein zynisches Schauspiel: Ein Konflikt, der nicht entsteht, weil er unvermeidlich wäre, sondern weil er politisch opportun ist.
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