31.08.2026
Thailand wird dicker - immer mehr Thais und ihre Kids sind übergewichtig
Thailand kämpft mit den Folgen eines völlig veränderten Lebensstils
Das ist längst kein subjektiver Eindruck mehr. Aktuelle Untersuchungen zeigen ziemlich deutlich, wohin die Reise geht. Nach Angaben von UNICEF hat sich der Anteil übergewichtiger oder adipöser Kinder zwischen sechs und 14 Jahren innerhalb von 25 Jahren von rund 6 auf 13 Prozent mehr als verdoppelt. Bei den 15- bis 18-Jährigen sind mittlerweile etwa 14 Prozent betroffen.
Auch die WHO spricht inzwischen von einer ernsthaften Herausforderung für Thailand. Bei Schulkindern sei die Adipositasrate innerhalb von rund zwei Jahrzehnten von 5,8 auf etwa 15 Prozent gestiegen. Bei Erwachsenen sieht es nicht wesentlich besser aus: Nach den in Thailand beziehungsweise Asien gebräuchlichen BMI-Grenzwerten wurden bereits 2020 rund 42 Prozent der Erwachsenen als adipös eingestuft.
Das Land, das jahrzehntelang erfolgreich gegen Mangelernährung kämpfte, hat heute also mit dem gegenteiligen Problem zu tun.
Die Pandemie hat noch einmal kräftig nachgeholfen
Besonders aufschlussreich ist eine große, im Februar 2026 veröffentlichte Studie in BMC Public Health. Dafür wurden Daten von unglaublichen 14,48 Millionen hospitalisierten Kindern in Thailand aus den Jahren 2015 bis 2023 ausgewertet.Das Ergebnis ist deutlich: Die dokumentierte Adipositas bei diesen Kindern stieg während der Covid-Pandemie massiv an und blieb auch danach auf hohem Niveau. Vor der Pandemie wurden durchschnittlich 20,1 Fälle je 10.000 hospitalisierte Kinder registriert, während der Pandemie waren es 45,3 und danach 45,5.
Damit hat sich die Rate in dieser Patientengruppe mehr als verdoppelt. Wichtig dabei: Das sind Krankenhausdaten und keine repräsentative Messung aller thailändischen Kinder. Sie zeigen also nicht, dass nur 0,45 Prozent aller Kinder adipös wären, sondern wie stark entsprechende Diagnosen unter hospitalisierten Kindern zugenommen haben.
Die Forscher sehen mehrere naheliegende Ursachen für den deutlichen Covid-Knick: Schulschließungen, weniger Sport und Bewegung, mehr Zeit vor Bildschirm und Smartphone, veränderte Tagesabläufe sowie häufigeres Naschen und Essen aus Langeweile oder Stress. Und leider verschwanden die zusätzlichen Kilos nicht automatisch mit dem Ende der Pandemie.
Von Som Tam und Reis zu Bubble Tea und Convenience Food
Natürlich wäre es viel zu einfach, Thailands Gewichtsproblem allein McDonald´s, KFC oder westlichem Fast Food anzuhängen, denn Thailand hat sein eigenes Kalorienarsenal längst perfektioniert.An praktisch jeder Ecke gibt es süße Getränke, Thai Milk Tea, Eiskaffee, Kakao, Bubble Tea, Softdrinks und Fruchtdrinks, die mit einer Portion Zucker daherkommen, bei der der Begriff „Durstlöscher“ beinahe niedlich wirkt.
Dazu kommen Fertiggerichte, Instantnudeln, Chips, süße Backwaren und Snacks, die rund um die Uhr verfügbar sind. Convenience Stores machen das Leben unglaublich bequem – allerdings auch den spontanen Zugriff auf energiereiche Lebensmittel.
UNICEF nennt ausdrücklich zucker-, fett- und salzreiche Lebensmittel wie Instantnudeln, gesüßte Getränke und verarbeitete Snacks als Teil des Problems. Besonders für Kinder und Jugendliche sind Geschmack, Preis und Bequemlichkeit häufig wichtiger als der Nährwert.
Eine Untersuchung der Mahidol University von 2025 liefert dazu ein weiteres interessantes Puzzlestück. Bei 387 thailändischen Studierenden zwischen 19 und 22 Jahren wurde der Konsum zuckergesüßter Getränke zusammen mit Körperzusammensetzung und insbesondere dem gefährlicheren viszeralen Bauchfett untersucht. Die Wissenschaftler sehen den hohen Konsum solcher Getränke als wichtigen Faktor für Adipositas und metabolische Gesundheitsrisiken.
Thailand liebt es süß – richtig süß
Wer in Thailand schon einmal einen Kaffee mit der Bestellung „mai waan“ – nicht süß – geordert und anschließend trotzdem ein Getränk erhalten hat, das einem Mitteleuropäer beinahe als Dessert durchgehen würde, kennt das Problem. 😁
Süße Getränke gehören tief zum modernen thailändischen Alltag. Nach aktuellen Angaben liegt der durchschnittliche Zuckerkonsum bei etwa 21 Teelöffeln pro Tag – weit über den gesundheitspolitischen Empfehlungen. Besonders schwierig sind frisch zubereitete Getränke aus Cafés und Straßenständen, denn sie fallen nicht so einfach unter dieselben Regeln wie industriell abgefüllte Softdrinks.
Thailand hat deshalb bereits 2017 eine gestaffelte Zuckersteuer auf abgepackte Getränke eingeführt. Sie hat tatsächlich dazu geführt, dass viele Hersteller den Zuckergehalt ihrer Produkte reduziert haben. Die letzte Stufe dieser Steuer trat 2025 in Kraft.
2026 geht die Regierung noch einen Schritt weiter und versucht, auch bei frisch zubereiteten Getränken die gewohnte Süße herunterzufahren. Unter anderem sollen große Ketten dazu bewegt werden, ihre als „normal süß“ verkauften Getränke deutlich weniger zu zuckern. Das Problem dabei: Einen Thai Tea vom Straßenstand kann man wesentlich schwieriger per Steuergesetz umerziehen als eine Flasche Limonade aus der Fabrik.
Essen ist nur die halbe Geschichte
Gleichzeitig hat sich der Alltag verändert. Thailand ist urbaner, wohlhabender und bequemer geworden. Motorroller und Autos ersetzen viele kurze Fußwege, Kinder werden zur Schule gefahren, Klimaanlagen machen das heimische Wohnzimmer attraktiver als 35 Grad und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit draußen.Smartphones, soziale Medien, Streaming und Computerspiele tun den Rest, was übrigens kein speziell thailändisches Phänomen ist. Ähnliche Entwicklungen finden sich in vielen Ländern, die innerhalb relativ kurzer Zeit einen starken wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel erlebt haben. Nur ging diese Veränderung in Thailand ausgesprochen schnell.
Aus einer Gesellschaft, in der körperliche Arbeit und Bewegung für viele Menschen zum Alltag gehörten, wurde innerhalb weniger Jahrzehnte eine moderne Dienstleistungs- und Konsumgesellschaft mit permanent verfügbarem Essen. Die Kalorien wurden billiger und leichter verfügbar – Bewegung dagegen optional.
Und ein rundes Kind galt lange als gesundes Kind
Hinzu kommt ein kultureller Aspekt, den Präventionsprogramme berücksichtigen müssen. Ein etwas rundlicheres Kind wurde traditionell nicht unbedingt als Gesundheitsproblem wahrgenommen. Im Gegenteil: Ein gut genährtes Kind konnte Wohlstand, gute Versorgung und Gesundheit signalisieren.Das ist durchaus verständlich in einer Gesellschaft, in der Unterernährung noch vor wenigen Generationen ein reales Problem war. Doch genau diese Wahrnehmung kann heute dazu führen, dass beginnendes Übergewicht zu spät als gesundheitliches Problem erkannt wird.
Und Thailand hat beim Kampf gegen Unterernährung tatsächlich enorme Fortschritte gemacht. UNICEF bezeichnet diese Entwicklung der vergangenen 50 Jahre ausdrücklich als großen Erfolg. Gleichzeitig ist nun eine sogenannte doppelte Belastung durch Fehlernährung entstanden: In manchen Bevölkerungsgruppen gibt es weiterhin Mangel- und Unterernährung, während andernorts Übergewicht und Adipositas stark zunehmen.
Es geht nicht um ein paar Kilo zu viel
Problematisch wird es spätestens dort, wo aus dem sichtbaren Übergewicht Erkrankungen entstehen. Die große thailändische Kinderstudie von 2026 fand bei adipösen Kindern deutlich häufiger Typ-2-Diabetes, nichtalkoholische Fettlebererkrankungen und orthopädische Probleme. Nach der Pandemie nahm insbesondere die dokumentierte Fettleberproblematik stark zu. Krankheiten also, die man früher eher mit Erwachsenen mittleren oder höheren Alters verbunden hätte.Bei Erwachsenen gehören Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfälle längst zu den großen gesundheitlichen Herausforderungen des Landes. Nach Angaben der WHO verursachen nichtübertragbare Erkrankungen inzwischen rund 74 Prozent aller Todesfälle in Thailand.
Das belastet auch das Gesundheitssystem. Die WHO beziffert die wirtschaftlichen Kosten von Übergewicht und Adipositas in Thailand auf rund 281 Milliarden Baht pro Jahr, entsprechend ungefähr 1,5 Prozent des damaligen Bruttoinlandsprodukts.
Thailand hat das Problem inzwischen erkannt
Untätig ist die Regierung keineswegs. Neben der Zuckersteuer laufen Programme für gesündere Schulverpflegung, Bewegung und Ernährungsaufklärung.UNICEF startete 2025 gemeinsam mit thailändischen Partnern die landesweite Kampagne „Kin Rai Dee“ – sinngemäß: „Was sollen wir Gutes essen?“. Sie richtet sich vor allem an Jugendliche, junge Erwachsene und Eltern und soll zeigen, dass gesundes Essen nicht automatisch langweilig sein muss. Gleichzeitig unterstützt UNICEF strengere Regeln für das Marketing ungesunder Lebensmittel an Kinder.
Dass Handlungsbedarf besteht, dürfte kaum noch jemand ernsthaft bestreiten. Denn Thailand steht inzwischen vor einer kuriosen Situation: Die traditionelle thailändische Küche gilt weltweit als frisch, abwechslungsreich und voller Gemüse, Kräuter und Gewürze – während gleichzeitig ein wachsender Teil der Bevölkerung mit den Folgen einer modernen, kalorienreichen Ernährung kämpft.
Das Pad Krapao ist dabei vermutlich nicht der Hauptverdächtige. Problematischer wird es, wenn danach noch der 700-Milliliter-Eistee, der Snack aus dem Convenience Store und ein bewegungsarmer Abend vor Smartphone oder Fernseher folgen. Bedenklich ist auch ein neuerer, eher wenig gesunder Kochstil. Alles in ganz viel Fett... schmeckt ja auch gut, aber wenn nun so ein Rüherei aus drei Eiern im Wok in einem Achtelliter Öl gebacken wird und wenn das Ei fertig ist, das Öl aus dem Wok verschwunden, dann spricht alles dafür, dass das Rüherei einen Fettanteil von über 50 % hat.
Kommentar der Red.:
Thailand hat das mit der ausgewogenen Ernährung offenbar etwas missverstanden: viel Fett für die Energie, viel Zucker fürs Gemüt – und zur Sicherheit noch ein extra süßer Thai Tea, damit der Blutzuckerspiegel gar nicht erst auf die Idee kommt, sich auszuruhen. 😁Früher gab’s Reis, Gemüse, Kräuter und Bewegung. Heute gibt’s Frittiertes, Fertiggerichte, Snacks, Bubble Tea, Softdrinks und den 7-Eleven praktisch in Rufweite. Und wenn auf dem Getränk „50 % Sugar“ steht, klingt das für manchen offenbar weniger nach Warnhinweis als nach Diätversion.
Das Ergebnis ist allerdings weniger lustig: Immer mehr Erwachsene und vor allem Kinder kämpfen mit Übergewicht. Aus dem einstigen Problem „zu wenig auf dem Teller“ ist innerhalb weniger Jahrzehnte zunehmend „zu viel Zucker im Becher und zu viele Kalorien zwischendurch“ geworden.
Viel Fett, viel Zucker, wenig Bewegung – und hinterher wundert sich die Waage. Die ist aber auch wirklich kleinlich. 😂
Diese Seite verwendet
Stock images by Depositphotos
Stock images by Depositphotos

Jetzt registrieren











