15.05.2026
Wissenschaft
Vom Dorfteich zur Weltsensation - Riesensaurier in Thailand entdeckt
Saurus Nagatitan - 27 Meter lang und so schwer wie neun Elefanten
Thailand hat einen neuen prähistorischen Giganten: Nagatitan chaiyaphumensis. Der bislang unbekannte Sauropode war etwa 27 Meter lang, wog rund 27 Tonnen und gilt damit als der größte bisher in Südostasien nachgewiesene Dinosaurier. Beschrieben wurde die neue Art von einem internationalen Forschungsteam aus Thailand und Großbritannien im Fachjournal Scientific Reports.
Der Name klingt nicht zufällig nach Mythos. „Naga“ verweist auf die schlangen- oder drachenartige Gestalt aus südostasiatischer und thailändischer Mythologie, die in Tempeln, Legenden und religiöser Symbolik bis heute eine große Rolle spielt. „Titan“ steht für die riesenhaften Gestalten der griechischen Mythologie. Der Zusatz „chaiyaphumensis“ erinnert an die Provinz Chaiyaphum im Nordosten Thailands, wo die Fossilien gefunden wurden. Kurz gesagt: ein Name, der dem Tier ziemlich gut steht.
Wer 27 Meter misst, darf ruhig ein bisschen dramatisch heißen. Nagatitan lebte vor etwa 100 bis 120 Millionen Jahren, genauer in der späten Unterkreide. Damals sah Thailand noch völlig anders aus als heute: keine Reisfelder, keine Tempel, keine Garküchen, sondern warme, teils trockene Flusslandschaften mit Wäldern, offenen Flächen und einer Tierwelt, die man heute besser nur aus sicherer Museumsentfernung betrachtet. Reuters beschreibt seine Umwelt als warm und eher trocken, mit Flüssen, Krokodilen, Fischen, Süßwasserhaien, Flugsauriern und anderen Dinosauriern.
Nagatitan gehörte zu den Sauropoden, jener berühmten Gruppe langhalsiger Pflanzenfresser mit kleinem Kopf, langem Schwanz und vier massiven Beinen. Zu dieser Großfamilie zählen auch bekannte Riesen wie Diplodocus oder Brontosaurus. Nagatitan war zwar nicht der größte Sauropode der Erdgeschichte, aber für Südostasien ist er ein echtes Schwergewicht. Sein geschätztes Gewicht von 27 Tonnen entspricht etwa neun ausgewachsenen Asiatischen Elefanten.
Innerhalb der globalen Sauropoden-Welt ordnen die Forscher ihn eher im „oberen Mittelfeld“ ein. In Südamerika, Afrika oder China entwickelten sich später noch größere Vertreter, manche mit geschätzten Gewichten von 50 bis 70 Tonnen. Aber für Thailand und Südostasien ist Nagatitan der bisherige Rekordhalter. Oder anders gesagt: Nicht der größte Dino der Weltgeschichte, aber der dickste Brocken, den Südostasien bislang vorweisen kann.
Thailändische Nagas - von Gerhard Veer
Entdeckt am Rand eines Dorfteichs
Die Geschichte des Fundes beginnt erstaunlich unspektakulär. Erste Knochen wurden bereits 2016 von einem Dorfbewohner in der Provinz Chaiyaphum entdeckt – am Rand eines Gemeinschaftsteichs, als der Wasserstand während der Trockenzeit niedrig war. Was zunächst wie ein ungewöhnlicher Fund im Schlamm aussah, entpuppte sich später als wissenschaftliche Sensation.Die Ausgrabungen liefen über mehrere Jahre, wurden aber durch fehlende Mittel unterbrochen. Erst später konnten die Funde umfassender geborgen und untersucht werden. Unter den entdeckten Knochen befinden sich Teile der Wirbelsäule, Rippen, Becken- und Beinknochen. Besonders beeindruckend ist ein Oberarmknochen von etwa 1,78 Metern Länge – ungefähr so lang wie ein erwachsener Mensch.
Aus der Größe und Lage der Knochen schließen die Forscher, dass sie wahrscheinlich zu einem einzigen Tier gehörten. Schädel und Zähne wurden nicht gefunden, trotzdem lässt sich aus dem Vergleich mit verwandten Sauropoden ableiten, wie Nagatitan vermutlich lebte.
Viel fressen, wenig kauen
Nagatitan war ein Pflanzenfresser, aber sicher keiner, der gemütlich an einem Salatblatt knabberte. Die Forscher gehen davon aus, dass er große Mengen eher grober Vegetation fraß, etwa Nadelbaumgewächse oder Samenfarne. Viel kauen musste er dabei vermutlich nicht. Sauropoden waren darauf spezialisiert, mit ihren langen Hälsen große Mengen Pflanzenmaterial aufzunehmen und über ihre enorme Körpermasse zu verarbeiten.Seine Größe war zugleich seine beste Lebensversicherung. Zwar lebten in seiner Umwelt auch Raubdinosaurier, darunter ein Verwandter des afrikanischen Carcharodontosaurus. Doch dieser war mit etwa acht Metern Länge und rund 3,5 Tonnen Gewicht im Vergleich zum Nagatitan eher der unangenehme, aber deutlich kleinere Nachbar. Gesunde erwachsene Sauropoden dürften für solche Räuber ein äußerst riskantes Ziel gewesen sein. Wer sich mit 27 Tonnen Pflanzenfresser anlegt, sollte eine sehr gute Krankenversicherung haben.
Warum gerade damals solche Riesen entstanden
Spannend ist der Fund auch, weil er in eine Zeit fällt, in der weltweit mehrere Sauropodenlinien besonders groß wurden. Die Erde war damals wärmer, der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre stieg, und die Vegetation veränderte sich. Co-Autor Paul Upchurch vom University College London erklärte, dass diese klimatischen Bedingungen möglicherweise mit dem Riesenwuchs der Sauropoden zusammenhingen – auch wenn dieser Zusammenhang noch nicht vollständig verstanden ist.Nagatitan liefert damit ein wichtiges Puzzlestück: Er zeigt, dass auch Südostasien Teil dieser Entwicklung war. Die Region wird in der Dinosaurierforschung oft weniger stark wahrgenommen als Nordamerika, China oder Südamerika. Umso bedeutender ist ein Fund dieser Größenordnung.
Der „letzte Titan“ Südostasiens
Hauptautor Thitiwoot Sethapanichsakul bezeichnete Nagatitan sinngemäß als einen der letzten Titanen der Region. Das hat einen geologischen Grund: Die Gesteinsschichten, in denen seine Knochen gefunden wurden, gehören zu den jüngsten dinosaurierführenden Formationen Thailands. Später wurden große Teile der Region von flachen Meeren geprägt. Für große landlebende Sauropoden war dort dann schlicht keine Bühne mehr vorhanden.Das macht den Fund doppelt interessant. Nagatitan ist nicht nur groß, sondern auch geologisch spät. Er steht gewissermaßen am Ende einer langen südostasiatischen Sauropoden-Geschichte – ein letzter großer Auftritt, bevor das Meer die Kulisse übernahm.
Für Thailand ist Nagatitan bereits die 14. benannte Dinosaurierart. Besonders der Nordosten des Landes, der Isaan, gilt als wichtige Fossilienregion. Museen wie das Sirindhorn Museum in Kalasin zeigen, dass Thailand in der asiatischen Paläontologie längst mehr ist als eine Randnotiz. Reuters nennt Thailand in diesem Zusammenhang ausdrücklich als Land mit mehreren bekannten Dinosaurierarten und einer wachsenden Bedeutung für die Forschung.
Der neue Fund stärkt dieses Bild. Thailand ist nicht nur ein Land der Strände, Tempel und Garküchen, sondern auch ein Ort, an dem unter Reisfeldern, Teichen und Felsformationen gewaltige Kapitel der Erdgeschichte verborgen liegen. Manchmal braucht es nur eine Trockenzeit, einen aufmerksamen Dorfbewohner und sehr viel Geduld, bis ein 100 Millionen Jahre alter Riese wieder ans Licht kommt.
Nagatitan chaiyaphumensis ist mehr als nur ein neuer Name in der Dinosaurierliste. Der Fund zeigt, wie reich Südostasien an prähistorischer Geschichte ist, wie viel in Thailands Böden noch verborgen liegen könnte und wie eng Wissenschaft, Zufall und lokale Aufmerksamkeit manchmal zusammenarbeiten.
Vor rund 113 Millionen Jahren bewegte sich dieser 27 Meter lange Pflanzenfresser durch eine warme Flusslandschaft im heutigen Nordostthailand. Heute sorgt er dafür, dass Chaiyaphum plötzlich auf der Weltkarte der Dinosaurierforschung aufleuchtet.
Und seien wir ehrlich: Ein Land, das ohnehin schon Tempel, Tuk-Tuks, Traumstrände, Streetfood und Nachtmärkte hat, bekommt jetzt auch noch einen eigenen Riesensaurier mit mythologischem Namen. Thailand übertreibt eben gerne charmant – sogar in der Kreidezeit.
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