Naturdoku
Der Koel - Thailands gefiederter Terrorist mit eingebautem Wecker
Wenn um 4 Uhr morgens der Dschungel brüllt und der Urlaubsschlaf Geschichte ist
Es ist vier Uhr morgens. Draußen ist es noch stockdunkel, die Klimaanlage summt leise, der letzte Cocktail vom Vorabend ist gerade verdaut und du liegst friedlich in deinem gemütlichen Hotelbett irgendwo in Thailand. Die Welt ist in Ordnung, der Urlaub wunderbar und dein Körper hat beschlossen, dass er heute mindestens bis neun Uhr schlafen möchte.
Doch dann passiert es:
„KO-EL! KOOO-EL! KOOOOO-EL! KOOOOOOOO-EL!“
Erst einmal. Dann noch einmal. Dann immer lauter, immer schriller und immer penetranter, bis du glaubst, jemand hätte direkt vor deinem Fenster eine defekte Autoalarmanlage mit einem Opernsänger gekreuzt. Herzlichen Glückwunsch! Du hast Bekanntschaft mit dem Asiatischen Koel gemacht, einem der akustisch auffälligsten Bewohner Thailands.
Ein Vogel, der offenbar keine Nachbarn hat
(ausser dir!)Der Koel, wissenschaftlich Eudynamys scolopaceus, gehört zur Familie der Kuckucke und ist in Thailand weit verbreitet. Besonders wohl fühlt er sich in Gärten, Parks, baumreichen Wohngebieten und natürlich überall dort, wo Menschen wohnen, die eigentlich gerne ausschlafen würden. In Thailand wird er นกดุเหว่า (Nok Du Wao) genannt.
Das Männchen ist ein hübscher, glänzend schwarzer Vogel mit auffällig roten Augen. Ein bisschen wie ein eleganter kleiner Dracula mit Federn. Das Weibchen trägt dagegen ein braun-weiß gesprenkeltes Kleid und sieht deutlich unauffälliger aus.
Aber der Herr Koel hat eben andere Prioritäten als gutes Benehmen.
Sein berühmter Ruf beginnt vergleichsweise harmlos, steigert sich dann aber in Tonhöhe, Lautstärke und Intensität, bis selbst der tiefenentspannteste Thailandurlauber darüber nachdenkt, ob sich ein Zimmerwechsel in eine schallisolierte Tiefgarage organisieren ließe.
Und wer glaubt, nach fünf Minuten sei endlich Ruhe, kennt diesen Vogel schlecht. Der Koel betrachtet eine kurze Pause offenbar nur als Gelegenheit, um Luft zu holen. Warum schreit der Kerl eigentlich so? Nun, die Antwort ist ebenso einfach wie ärgerlich: Es geht um Sex. Der männliche Koel versucht mit seinen durchdringenden Rufen Weibchen anzulocken und gleichzeitig anderen Männchen mitzuteilen, dass dieses Revier bereits vergeben ist.
Seine Botschaft lautet also ungefähr:
„HIER BIN ICH! ICH BIN SCHÖN! ICH BIN SINGLE! UND ICH HABE EINEN GANZ TOLLEN BAUM!“
Und weil die Damenwelt offenbar schwer zu beeindrucken ist, wiederholt er diese Information. Wieder und wieder und wieder.
Besonders während der Fortpflanzungszeit, vielerorts im Frühjahr und Frühsommer, sind die Rufe auffällig häufig zu hören. Oft beginnt das Konzert bereits vor Sonnenaufgang, manchmal auch mitten in der Nacht. Vier Uhr morgens ist dabei keine vorgeschriebene Dienstzeit, sondern lediglich eine bei schlaflosen Urlaubern besonders unbeliebte Möglichkeit.
Ein echter Kuckuck – auch bei der Kinderbetreuung
Doch der Koel hat noch eine weitere bemerkenswerte Eigenschaft: Er gehört zu den sogenannten Brutparasiten. Das bedeutet, dass das Weibchen seine Eier bevorzugt in die Nester anderer Vogelarten legt, häufig bei Krähen. Die ahnungslosen Pflegeeltern brüten das fremde Ei aus und ziehen anschließend den jungen Koel groß.Man könnte also sagen: Während andere Vögel Nester bauen, Windeln wechseln und den Nachwuchs füttern, hat Familie Koel das Thema Kinderbetreuung erfolgreich ausgelagert. Tagsüber fremde Eltern arbeiten lassen, nachts die Nachbarschaft beschallen – ein bemerkenswert konsequentes Lebensmodell.
Immerhin sind Koels auch nützlich: Sie ernähren sich unter anderem von Früchten und tragen durch die Verbreitung von Samen zur Pflanzenwelt bei. Der gefiederte Schreihals hat also durchaus seine ökologischen Verdienste, auch wenn man diese um 4:17 Uhr morgens vielleicht nicht unbedingt würdigen möchte.
Der heimliche Soundtrack jedes Thailandurlaubs
Wer schon häufiger in Thailand war, kennt diesen Ruf wahrscheinlich längst, selbst wenn er bisher keine Ahnung hatte, welcher Vogel dahintersteckt. Manche halten ihn zunächst für einen exotischen Affen, andere für eine Alarmanlage, einen verrückt gewordenen Hahn oder einen Nachbarn mit ernsthaften Problemen.Dabei gehört das penetrante „Ko-el, Ko-el“ genauso zur tropischen Geräuschkulisse wie zirpende Zikaden, quakende Frösche, knatternde Motorräder und der gelegentliche Hahn, der ebenfalls der Meinung ist, dass Schlaf völlig überbewertet wird. Und irgendwann passiert etwas Merkwürdiges: Man gewöhnt sich daran. Mehr noch, nach einigen Wochen zurück in Deutschland fehlt einem plötzlich dieses verrückte Konzert aus dem tropischen Garten. - Na gut, vielleicht nicht unbedingt um vier Uhr morgens.
Unser Tipp für Thailandurlauber
Wer in einem Bungalow mitten im Grünen wohnt, sollte vorsichtshalber ein Paar Ohrstöpsel einpacken. Denn der Koel respektiert weder Hotelsterne noch Honeymoon-Suiten, Ruhezeiten oder die Tatsache, dass du gestern erst um zwei Uhr ins Bett gekommen bist.Und falls du ihn morgens in einem Baum entdeckst, wie er mit glänzend schwarzem Gefieder und feuerroten Augen völlig unschuldig in die Gegend schaut, denk daran: Das ist der kleine Mistkerl, der dich seit zwei Stunden wach hält. Aber bitte nicht böse sein. Er kann schließlich nichts dafür, dass die Liebe laut ist. 😂
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