Lauda-Air-Flug 004: Gedenken an die Katastrophe von 1991
223 Passagiere & Flugbegleiter an Bord der Mozart kamen ums Leben
Bis heute gilt das Unglück als die schwerste Katastrophe in der österreichischen Luftfahrtgeschichte. 35 Jahre später wird in Thailand erneut der Opfer gedacht. Am Jahrestag fand eine Gedenkveranstaltung in Suphan Buri statt, jener Provinz, mit der das Unglück auf trragische Weise verbunden bleibt. Dort befindet sich auch eine Gedenkstätte für jene Opfer, die nach dem Absturz nicht mehr identifiziert werden konnten.
Eine Maschine mit dem Namen „Mozart“
Bei dem verunglückten Flugzeug handelte es sich um eine Boeing 767-3Z9ER mit dem österreichischen Kennzeichen OE-LAV. Die Maschine trug den Namen „Mozart“ – ein symbolträchtiger Name für ein österreichisches Flugzeug, das für die damals noch junge private Fluggesellschaft Lauda Air unterwegs war. Gründer der Airline war der frühere Formel-1-Weltmeister Niki Lauda, der sich nach seiner Rennfahrerkarriere auch als Unternehmer in der Luftfahrt einen Namen machen wollte.Lauda Air Flug 004 war ein internationaler Linienflug von Hongkong nach Wien mit geplanter Zwischenlandung in Bangkok. In der thailändischen Hauptstadt wurden Passagiere aufgenommen, Fracht geladen und Treibstoff ergänzt. Danach sollte die Maschine den langen Nachtflug nach Österreich antreten.
Gegen 23.02 Uhr Ortszeit hob die „Mozart“ vom damaligen Bangkok International Airport Don Mueang ab. An Bord befanden sich 223 Menschen. Nur rund 15 Minuten später verschwand das Flugzeug vom Radar.
Der Absturz über Thailand
Die Maschine befand sich im Steigflug, als es zur Katastrophe kam. Nach den späteren Untersuchungen öffnete sich während des Fluges unbeabsichtigt die Schubumkehr am linken Triebwerk. Eine Scjubumkehr ist normalerweise dafür gedacht, ein Flugzeug nach der Landung am Boden abzubremsen. In der Luft darf sie nicht ausfahren, weil sie den Luftstrom und die Stabilität des Flugzeugs massiv beeinträchtigen kann.Genau das geschah bei Flug 004. Die plötzlich ausgefahrene Schubumkehr störte die Aerodynamik der Boeing 767 so stark, dass die Piloten die Kontrolle verloren. Das Flugzeug geriet in einen unkontrollierbaren Sinkflug und zerbrach noch in der Luft, bevor die Trümmer in einem schwer zugänglichen Gebiet in Thailand niedergingen.
Der Absturzort lag im Bereich von Phu Toei in der Provinz Suphan Buri. Für Rettungskräfte, Behörden und die lokale Bevölkerung war die Bergung eine enorme Belastung. Die Gewalt des Absturzes war so groß, dass sich Trümmer über ein weites Gebiet verteilten.
Keine Überlebenden
Für die Menschen an Bord gab es keine Chance. Alle Passagiere und Besatzungsmitglieder starben. Unter den Opfern waren Menschen aus vielen Ländern, darunter auch zahlreiche Österreicher. Die Katastrophe erschütterte Österreich, Thailand und die internationale Luftfahrtwelt gleichermaßen.Besonders tragisch: 27 Opfer konnten nicht identifiziert werden. Die mechanischen Kräfte des Absturzes und die anschließenden Brände hatten eine Identifikation unmöglich gemacht. Diese Opfer wurden später in einem Gemeinschaftsgrab auf einem eigens errichteten Lauda-Air-Friedhof nahe Suphan Buri beigesetzt.
Dieser Ort ist bis heute ein stiller Erinnerungsplatz. Er steht nicht nur für die Trauer der Angehörigen, sondern auch für die enge Verbindung zwischen Österreich und Thailand in der Aufarbeitung dieser Tragödie.
Die Suche nach der Ursache
Die Ermittlungen zum Absturz gehörten zu den schwierigsten Untersuchungen jener Zeit. Der Flugdatenschreiber wurde stark beschädigt, weshalb die Auswertung technischer Daten erschwert war. Der Cockpit Voice Recorder lieferte jedoch wichtige Hinweise auf die dramatischen letzten Sekunden im Cockpit.Die thailändische Untersuchungskommission kam später zu dem Ergebnis, dass der Absturz durch das unbeabsichtigte Ausfahren der linken Schubumkehr im Flug ausgelöst wurde. Die genaue technische Ursache, warum sich diese Schubumkehr aktivierte, konnte jedoch nicht abschließend eindeutig bestimmt werden.
Klar war aber: Eine Schubumkehr in dieser Flugphase war für die Besatzung praktisch nicht beherrschbar. Spätere Analysen und Simulatorversuche zeigten, dass ein solches Szenario für eine unvorbereitete Crew kaum kontrollierbar war. Der Unfall führte in der Folge zu technischen Änderungen und zusätzlichen Sicherungen an Schubumkehrsystemen.
Niki Lauda und der Kampf um Antworten
Für Niki Lauda war das Unglück ein persönlicher Schock. Seine Fluggesellschaft, sein Flugzeug, seine Passagiere – und eine Katastrophe, die nicht nur unternehmerisch, sondern menschlich kaum zu fassen war. Lauda reiste nach Thailand, besuchte die Unfallstelle und setzte sich später intensiv dafür ein, die Ursache des Absturzes aufzuklären.Berühmt wurde sein energisches Auftreten gegenüber Boeing. Lauda wollte wissen, ob eine 767 nach dem Ausfahren einer Schubumkehr in der Luft noch zu retten gewesen wäre. Seine Haltung war klar: Wenn ein solcher technischer Defekt ein Flugzeug unkontrollierbar macht, dann musste das offen benannt werden. Der Unfall wurde deshalb auch zu einem Wendepunkt in der technischen Bewertung solcher Systeme.
Gedenken 35 Jahre später
Am 26. Mai 2026, genau 35 Jahre nach dem Absturz, wurde in Thailand erneut offiziell an die Opfer erinnert. Vertreter Österreichs, der Austrian Thai Society und thailändischer Stellen nahmen an der Gedenkveranstaltung teil. Auch die österreichische Botschaft in Bangkok hatte bereits im Vorfeld auf das bevorstehende 35-jährige Gedenken hingewiesen.Solche Gedenkakte sind mehr als reine Formalität. Für Angehörige, Freunde und Nachkommen der Opfer bleibt der Absturz Teil ihrer Familiengeschichte. Für Österreich ist er ein nationales Trauma der Luftfahrt. Für Thailand ist er ein Ereignis, das bis heute an einem konkreten Ort sichtbar bleibt: am Friedhof und an der Gedenkstätte in Suphan Buri.
Ein Unglück, das die Luftfahrt veränderte
Die Katastrophe von Lauda Air Flug 004 zeigte auf brutale Weise, wie gefährlich ein einzelnes technisches System werden kann, wenn es in einer völlig falschen Flugphase versagt. Die Schubumkehr war eigentlich als Hilfe bei der Landung gedacht. In diesem Fall wurde sie zur tödlichen Ursache eines Kontrollverlusts.Nach dem Absturz wurden weltweit Schubumkehrsysteme genauer geprüft. Boeing und die Luftfahrtbehörden reagierten mit technischen Änderungen und Sicherheitsmaßnahmen, um ein ungewolltes Ausfahren in der Luft künftig zu verhindern.
Damit steht Flug 004 auch für eine bittre Wahrheit der Luftfahrtgeschichte: Viele Sicherheitsverbesserungen entstehen erst nach Katastrophen. Jede Vorschrift, jede zusätzliche Sicherung, jede technische Änderung hat oft eine Vorgeschichte – und manchmal ist diese Vorgeschichte voller Namen, Familien und Schicksale.
Thailand als Ort der Erinnerung
Dass das Gedenken bis heute in Thailand stattfindet, ist kein Zufall. Der Absturz ereignete sich auf thailändischem Boden, und viele Menschen vor Ort waren damals an Bergung, Versorgung und späterer Erinnerung beteiligt. Die Gedenkstätte bei Suphan Buri verbindet deshalb zwei Länder: Österreich als Heimat der Fluggesellschaft und vieler Opfer, Thailand als Ort des Unglücks und der letzten Ruhestätte nicht identifizierter Passagiere.35 Jahre nach dem Absturz ist Lauda Air Flug 004 längst Geschichte – aber keine abgeschlossene. Für die Angehörigen bleibt der Verlust gegenwärtig. Für die Luftfahrt bleibt das Unglück eine Mahnung. Und für Besucher der Gedenkstätte in Suphan Buri ist es ein stiller Ort, an dem aus einer technischen Katastrophe wieder das wird, was sie im Kern immer war: eine menschliche Tragödie.
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