Leben
Was wurde aus dem Le Palais auf Koh Phangan?
Das Hotel, das gebaut wurde, um wie eine jahrhundertealte Ruine auszusehen – und nun eine echte wird.
Es steht immer noch dort. Denn aus dem einst spektakulären Luxushotel ist inzwischen einer der faszinierendsten Lost Places der thailändischen Inselwelt geworden. Wo früher Urlauber zwischen gewaltigen Steintürmen, Khmer-Skulpturen und Pools residierten, herrscht heute weitgehend Stille. Pflanzen erobern Mauern und Innenhöfe zurück, Wasserbecken sind grünalgig und verwittert, und aus dem ziemlich größenwahnsinnigen Hoteltraum wird langsam eine Kulisse, die ihrem historischen Vorbild auf eine ganz unbeabsichtigte Weise immer ähnlicher wird.
Nur ging das in Angkor über Jahrhunderte. Auf Koh Phangan brauchte man dafür kaum mehr als ein Jahrzehnt.
Ein Stück Angkor zwischen Full Moon Party und Kokospalmen
Das Le Palais entstand um 2014 nahe Haad Rin Nai und war schon damals alles andere als zurückhaltend. Hier wurde nicht einfach ein bisschen Khmer-Stil mit ein paar Buddhafiguren und geschnitzten Holztüren angedeutet. Das gesamte Hotel war als monumentale Fantasiewelt gestaltet: Türme, Innenhöfe, Reliefs, Skulpturen, steinerne Gesichter und Fassaden erinnerten unübersehbar an die berühmten Tempelanlagen von Angkor.Zimmer trugen Namen wie Angkor, Bayon oder Banteay Srei, und selbst das Restaurant hieß Bayon. Das Hotel warb zeitweise sinngemäß damit, den Stolz Angkors entdecken zu können. Subtil geht anders.
Aber beeindruckend war die Anlage zweifellos. Zwischen den gewaltigen Kulissen befanden sich Hotelzimmer, Restaurants und Pools, und wer schon immer einmal davon geträumt hatte, nach dem Frühstück ein wenig Angkor Wat zu spielen und abends zur Full Moon Party weiterzuziehen, hatte seine Unterkunft gefunden.
Dann meldete sich Kambodscha
Was Touristen als spektakuläre Kulisse betrachteten, fanden einige Menschen in Kambodscha allerdings deutlich weniger lustig. Im Jahr 2020 verbreiteten sich Bilder des Hotels in kambodschanischen sozialen Medien und lösten heftige Diskussionen aus. Kritisiert wurde, dass zentrale Elemente des kambodschanischen Kulturerbes und insbesondere die Architektur Angkors für ein kommerzielles Hotel in Thailand kopiert würden.Der Vorwurf der kulturellen Aneignung stand im Raum. Und das ist in dieser Region kein ganz belangloses Thema. Thailand und Kambodscha verbindet eine jahrhundertelange gemeinsame Kulturgeschichte, gleichzeitig gibt es immer wieder empfindliche Debatten darüber, wem bestimmte kulturelle Traditionen, Bauwerke oder Kunstformen „gehören“. Plötzlich war der Fantasiepalast auf Koh Phangan keine schräge Hotelidee mehr, sondern Gegenstand einer internationalen Kulturdebatte.
Die Geschichte hatte allerdings einen kleinen Haken
Denn ausgerechnet der Gründer des Hotels hatte selbst kambodschanische Wurzeln.Das Le Palais reagierte auf die Kritik mit einer öffentlichen Entschuldigung und erklärte gleichzeitig die Idee hinter dem Projekt. Kambodscha sei die Heimat des Gründers und habe einen besonderen Platz in seinem Herzen, Thailand sei seine zweite Heimat geworden.Die Architektur sei deshalb nicht als Diebstahl oder Herabwürdigung gedacht gewesen, sondern aus Bewunderung für Angkor entstanden. An Bau und Dekoration hätten thailändische und kambodschanische Handwerker gemeinsam gearbeitet.
Das Hotel entschuldigte sich dennoch ausdrücklich dafür, Menschen mit der Gestaltung verletzt zu haben und stellte klar, dass sich sein Bauwerk selbstverständlich nicht mit dem echten Angkor Wat vergleichen könne. Aus „Die Thais haben den Kambodschanern Angkor Wat geklaut“ wurde damit eine erheblich kompliziertere Geschichte.
Hat Kambodscha das Hotel schließen lassen?
Diese Geschichte wird heute gerne erzählt. Sie klingt auch hervorragend: Thailand baut Angkor Wat nach, Kambodscha ist sauer, Hotel macht dicht.Als die große Kontroverse im Oktober 2020 ausbrach, war das Le Palais bereits seit einigen Monaten aufgrund der Covid-Krise geschlossen. Zeitgenössische Berichte erwähnen diese Schließung ausdrücklich. Und Covid traf Koh Phangan brutal. Internationale Touristen verschwanden praktisch über Nacht, Full-Moon-Partys fielen aus und Hotels, Restaurants, Bars und Reiseveranstalter verloren ihre Kundschaft.
Das Le Palais kehrte danach offenbar nicht mehr in den regulären Hotelbetrieb zurück. Neuere Berichte datieren das endgültige Aus ungefähr auf 2021 beziehungsweise in die Folgen der Pandemie. Die Kulturkontroverse dürfte dem Image nicht gerade geholfen haben. Einen belastbaren Beleg dafür, dass kambodschanischer Protest zur behördlich angeordneten Schließung des Hotels geführt hätte, gibt es jedoch nicht.
Der weniger dramatische Hauptverdächtige heißt deshalb wohl schlicht: Corona und Wirtschaftlichkeit.
Und dann kam der Dschungel
Das eigentlich Faszinierende beginnt danach.Andere Hotels wurden nach der Pandemie renoviert, aufgehübscht und wieder eröffnet. Das Le Palais blieb zurück. Und eine tropische Insel wartet nicht geduldig darauf, bis sich jemand um ein Gebäude kümmert.
Aktuelle Aufnahmen aus September 2025 zeigen eine Anlage, die noch immer erstaunlich vollständig erhalten ist – und gleichzeitig sichtbar verfällt. Pflanzen wachsen über Mauern und Wege, Fassaden altern, ehemalige Poolbereiche liegen verlassen da und die riesigen Khmer-Kulissen wirken ohne Hotelgäste plötzlich völlig anders.
Aus einem Resort, das künstlich wie eine jahrhundertealte Ruinenstadt aussehen sollte, wird langsam tatsächlich eine Ruine. Das muss man architektonisch auch erst einmal schaffen. 2014 baut man einen künstlich gealterten Tempelpalast, zehn Jahre später übernimmt die Natur kostenlos die weitere Authentifizierung.
2026: Noch immer geschlossen – und inzwischen ein Lost Place
Auch 2026 gibt es keine belastbaren Hinweise auf eine Wiedereröffnung.Im März 2025 tauchten bereits neue Bilder des verlassenen Hotels in Urbex-Diskussionen auf; weitere Aufnahmen aus 2026 zeigen die Anlage weiterhin verlassen und zunehmend von der Natur zurückerobert.Kurioserweise geistert das Le Palais noch immer durch das Internet. Alte Hotelseiten, Fotos und Buchungsinformationen existieren weiter und vermitteln teilweise den Eindruck, man müsse eigentlich nur noch ein Zimmer auswählen. Man sollte den Koffer trotzdem besser nicht packen.
Bitte anschauen – aber nicht den Indiana Jones spielen
Mit seinem heutigen Aussehen besitzt das Le Palais natürlich eine magische Anziehungskraft auf Fotografen und Lost-Place-Fans. Aber ein verlassenes Hotel ist noch lange kein öffentlicher Abenteuerspielplatz.Die Anlage befindet sich auf Privatgelände beziehungsweise ist nicht als reguläre Sehenswürdigkeit geöffnet. Außerdem können verlassene tropische Gebäude ausgesprochen unangenehme Überraschungen bereithalten: morsche Böden, herabfallende Bauteile, offene Schächte, Glasscherben und allerlei Getier, das keinerlei Interesse an Instagram hat.
Von außen anschauen und fotografieren: interessant. Über Absperrungen klettern und den Hobby-Indiana-Jones geben: eher weniger clever.
Le Palais kurz vor der Eröffnung
Und so steht heute ausgerechnet wenige Kilometer von einer der lautesten Partys Thailands entfernt ein riesiger Palast, in dem niemand mehr feiert. Ein Hotel, das gebaut wurde, um wie eine jahrhundertealte Ruine auszusehen – und nun langsam eine echte wird. Koh Phangan kann eben nicht nur Full Moon Party. Manchmal kann die Insel auch ziemlich gute Ironie.
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